Drei aktuelle Artikel aus überregionalen Publikationen beleuchten unterschiedliche Seiten des Berufseinstiegs. Unternehmen beklagen demnach Defizite bei grundlegenden Kompetenzen und im Arbeitsverhalten. Gleichzeitig verändert KI die Personalauswahl; die Ausbildung in vermeintlich zukunftssicheren IT-Berufen steht vor einem Umbruch. Was bedeuten diese Entwicklungen für die schulische Berufsorientierung?
Meine Rezension bezieht sich auf:
Woran Deutschlands Berufseinsteiger scheitern
WELT · 1. Oktober 2026
Berufseinsteiger müssten eigentlich gute Chancen haben: Unternehmen suchen Nachwuchs, während Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Eine Firmenumfrage der WELT zeigt allerdings, dass viele Betriebe bei Bewerberinnen und Bewerbern grundlegende Defizite wahrnehmen. Genannt werden unter anderem mathematische und sprachliche Fähigkeiten sowie Sorgfalt, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.
Die Befunde verweisen auf Anforderungen, die im öffentlichen Diskurs über Zukunftskompetenzen leicht in den Hintergrund geraten. Fachwissen, sprachliche Ausdrucksfähigkeit und grundlegende Arbeitshaltungen bleiben für den Einstieg in Ausbildung und Beruf wichtig. Allerdings spiegeln die Ergebnisse zunächst die Einschätzungen der befragten Unternehmen wider. Sie sind kein pauschales Urteil über eine ganze Generation.
Automatisch aussortiert? Nur wenige Unternehmen nutzen KI bisher im Bewerbungsprozess
Business Insider · 26. September 2026
KI verändert nicht nur die Anforderungen an Bewerberinnen und Bewerber, sondern auch die Personalauswahl. Wenn Anschreiben und Lebensläufe mit KI schnell erstellt und auf Stellenanzeigen zugeschnitten werden können, verlieren klassische Bewerbungsunterlagen einen Teil ihrer Aussagekraft.
Business Insider berichtet, dass Unternehmen deshalb verstärkt über alternative Auswahlverfahren nachdenken. Beim sogenannten Skills-based Hiring stehen konkrete Fähigkeiten und praktische Arbeitsproben stärker im Mittelpunkt als der Lebenslauf allein. Zugleich zeigt die im Beitrag behandelte Bitkom-Erhebung, dass KI im Bewerbungsprozess bislang nur von einer Minderheit der Unternehmen eingesetzt wird.
Für die Berufsorientierung entsteht daraus eine neue Aufgabe: Jugendliche müssen nicht nur lernen, Bewerbungen zu verfassen. Sie sollten auch ihre Fähigkeiten realistisch einschätzen, nachvollziehbar darstellen und in konkreten Aufgaben unter Beweis stellen können.
Nimmt KI den IT-Azubis die Jobs weg?
Süddeutsche Zeitung · 29. September 2026
Lange galt die IT-Ausbildung als besonders zukunftssicher. Doch generative KI verändert die Arbeit in der Softwareentwicklung – und damit auch die Ausbildung. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt am Beispiel eines Unternehmens, das vorerst keine neuen Auszubildenden in der Anwendungsentwicklung aufgenommen hat, wie KI bisherige Arbeitsabläufe verändert.
Daraus folgt nicht, dass IT-Berufe generell an Bedeutung verlieren. Vielmehr verschiebt sich, welche Aufgaben Menschen selbst ausführen müssen und welche sie mit KI erledigen können. Wenn KI Teile der Programmierung übernimmt, gewinnen andere Fähigkeiten an Gewicht: Anforderungen verstehen, Lösungen beurteilen, Fehler erkennen und technische Ergebnisse verantwortungsvoll einsetzen.
Der Beitrag wirft damit eine grundsätzliche Frage auf: Wie muss Ausbildung gestaltet werden, wenn sich gerade die Tätigkeiten verändern, an denen berufliche Kompetenzen bislang eingeübt wurden?
Wahrnehmung und Einordnung
Zusammengenommen zeigen die drei Beiträge eine Spannung, die für die schulische Berufsorientierung bedeutsam ist. Einerseits bleiben grundlegende Fähigkeiten unverzichtbar. Andererseits verändern sich die Bedingungen, unter denen diese Fähigkeiten gebraucht, geprüft und weiterentwickelt werden.
Die Unternehmensbefragung lenkt den Blick auf Basiskompetenzen und Arbeitsverhalten. Die Berichte über KI im Recruiting und in der IT-Ausbildung zeigen dagegen, dass auch Unternehmen ihre Verfahren und Erwartungen anpassen müssen. Es geht also nicht allein darum, junge Menschen besser auf eine unveränderte Arbeitswelt vorzubereiten. Sie müssen lernen, sich in einer Arbeitswelt zu orientieren, deren Anforderungen sich verändern.
Dabei wäre es zu einfach, die Herausforderungen vor allem als Defizite der Jugendlichen zu beschreiben. Unternehmensbefragungen sind wichtige Hinweise, aber keine umfassende Diagnose einer Generation. Ebenso wenig lässt sich aus einem einzelnen Beispiel bereits auf die Entwicklung eines ganzen Berufsfeldes schließen. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Befunde zusammenzudenken und daraus Fragen für Bildung und Ausbildung abzuleiten.
Dabei darf die Verantwortung für einen gelingenden Berufseinstieg nicht allein den Jugendlichen und den Schulen zugeschrieben werden. Unternehmen formulieren Erwartungen an fachliche Grundlagen, Arbeitsverhalten und digitale Kompetenzen. Zugleich verändern sie selbst Auswahlverfahren, Tätigkeitsprofile und Ausbildungsangebote. Daraus erwächst auch für sie eine Verantwortung: Sie müssen nachvollziehbare Anforderungen formulieren, realistische Einblicke in die Arbeitswelt ermöglichen und Ausbildungsbedingungen schaffen, unter denen junge Menschen die benötigten Kompetenzen entwickeln können. Berufsorientierung und Ausbildung sind deshalb eine gemeinsame Aufgabe von Schule, Wirtschaft und Jugendlichen.
Welche Schlussfolgerungen sind aus Sicht des Bildungssystems zu ziehen?
- Basiskompetenzen bleiben unverzichtbar: Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, mathematisches Verständnis und fachliche Grundlagen sind nicht das Gegenmodell zu Zukunftskompetenzen. Sie bilden vielmehr eine Voraussetzung dafür, komplexe Probleme zu bearbeiten, Informationen kritisch zu prüfen und KI-Ergebnisse sinnvoll zu nutzen.
- Berufsorientierung muss Arbeitswirklichkeit erfahrbar machen: Jugendliche benötigen Gelegenheiten, Berufe nicht nur anhand von Beschreibungen kennenzulernen, sondern Tätigkeiten selbst auszuprobieren, Anforderungen zu erleben und ihre Vorstellungen mit der Praxis abzugleichen. Kooperationen mit Betrieben und praxisnahe Aufgaben können dazu beitragen.
- Kompetenzen müssen sichtbar werden: Wenn Bewerbungsunterlagen durch KI leichter zu optimieren sind, gewinnen praktische Aufgaben, Arbeitsproben und die nachvollziehbare Darstellung eigener Lösungswege an Bedeutung. Schulen können Jugendliche darauf vorbereiten, indem sie nicht nur Ergebnisse bewerten, sondern auch Vorgehensweisen, Begründungen und Reflexion einbeziehen.
- KI gehört in die Berufsorientierung: Junge Menschen sollten erfahren, wie KI berufliche Tätigkeiten verändert und welche Möglichkeiten und Grenzen ihr Einsatz hat. Dazu gehört auch, Ergebnisse zu prüfen, Fehler zu erkennen und zu verstehen, wo menschliche Entscheidungen und Verantwortung unverzichtbar bleiben.
- Ausbildung und Schulentwicklung müssen auf Veränderungen reagieren können: Wenn sich Tätigkeitsprofile wandeln, reicht es nicht, einmal festgelegte Kompetenzlisten abzuarbeiten. Schulen benötigen Möglichkeiten, Erfahrungen aus der Arbeitswelt aufzunehmen, Berufsorientierung regelmäßig zu aktualisieren und ihre Angebote gemeinsam mit außerschulischen Partnern weiterzuentwickeln.
- Übergänge gemeinsam gestalten: Berufsvorbereitung ist keine Einbahnstraße. Unternehmen sollten ihre Erwartungen transparent machen, Jugendlichen realistische Einblicke in berufliche Tätigkeiten ermöglichen und ihnen Gelegenheiten geben, Kompetenzen im Arbeitsalltag zu entwickeln. Gerade wenn KI Tätigkeitsprofile verändert, braucht es einen Austausch zwischen Schulen, Betrieben und Ausbildungseinrichtungen darüber, welche Fähigkeiten künftig gebraucht werden und wie sie erworben werden können. Kooperation darf sich dabei nicht auf einzelne Praktika oder Informationsveranstaltungen beschränken, sondern sollte die kontinuierliche Weiterentwicklung der Berufsorientierung unterstützen.
Fazit
Die drei Beiträge führen zu einer doppelten Aufgabe für die schulische Berufsorientierung. Junge Menschen brauchen solide fachliche und sprachliche Grundlagen, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig müssen sie lernen, sich in einer Arbeitswelt zurechtzufinden, in der KI Tätigkeiten verändert, Bewerbungsverfahren neue Formen annehmen und berufliche Anforderungen nicht unverändert bleiben.
Für Schulleitungen und Steuergruppen bedeutet das, Berufsorientierung nicht als isoliertes Angebot am Ende der Schulzeit zu betrachten. Sie muss mit fachlichem Lernen, praktischen Erfahrungen und der Auseinandersetzung mit technologischen Veränderungen verbunden werden.
Dabei liegt die Verantwortung nicht allein bei den Schulen. Unternehmen müssen ihrerseits deutlich machen, welche Anforderungen sie stellen, und Bedingungen schaffen, unter denen junge Menschen berufliche Kompetenzen erwerben und weiterentwickeln können. Wenn sich Tätigkeitsprofile durch KI verändern, ist der Austausch zwischen Bildung und Wirtschaft besonders wichtig.
Es geht nicht nur darum, Jugendliche für den Berufseinstieg fit zu machen. Es geht darum, gemeinsam Bedingungen zu schaffen, unter denen sie ihren beruflichen Weg selbstbestimmt beginnen, ihre Kompetenzen weiterentwickeln und Veränderungen aktiv mitgestalten können.
Zu den Originalquellen
- Hendrikje Rudnik: Automatisch aussortiert? Nur wenige Unternehmen nutzen KI bisher im Bewerbungsprozess
- Hendrikje Rudnick , Felix Seifert: Mathe, Deutsch und Pünktlichkeit – woran Deutschlands Berufseinsteiger scheitern
- Luisa Brünger, Greta Templin: Nimmt KI den IT-Azubis die Jobs weg?
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